Mit Outdoor-Keramikplatten lassen sich elegante Flächen ohne optische Brüche gestalten.
Das mechanische Verhalten dünner Platten ist jedoch eine Herausforderung. Hinzu kommen thermische und Witterungseinflüsse.
Wie können grosse Platten mit geringem Eigengewicht fachgerecht verlegt werden? Welche Regelwerke gelten?
Livio Coduri verweist auf die im September 2017 neu aufgelegte VSS Norm SN 640 482.
Was dies für die Praxis bedeutet, geht aus dem Interview hervor.
Livio Coduri hat mehrere Hüte an: Er ist Fachexperte, Gutachter und geschäftsführendes Mitglied der Swissfix GmbH, leitet mit seinem Geschäftspartner einen schweizweit tätigen Natursteinpflästererbetrieb mit Sitz in Altendorf SZ und ist CEO der Firma Acosim AG, eines Zulieferers der Baubranche, der Mörtelsysteme herstellt. Die Arbeit des gelernten Pflästerers dreht sich jedoch immer nur um eine Sache: Bodenbeläge mit gutem Langzeitverhalten. Im Interview nimmt Coduri die Position des Gutachters ein, der auf die VSS-Norm als bindendes Regelwerk hinweist.
Für die Aussenraumgestaltung werden immer mehr grossformatige Materialien in geringer Materialstärke, wie keramische Beläge, Steinzeug- oder Natursteinplatten, angeboten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Livio Coduri: Grundsätzlich schlecht. Heute wird von seiten der Architektur von innen nach aussen gebaut. Wird ein Bodenbelag im Wohnraum erstellt, soll dieser oft im Aussenbereich weitergeführt werden. Bodenbeläge mit grossformatigen Platten und engem Fugenbild sind im Innenbereich passend. Im Aussenbereich sieht die Sache ganz anders aus: Bedingt durch die unterschiedlichen Temperaturen im Jahresverlauf und die Wettereinflüsse müssen die Aussenbeläge komplett anders gebaut werden.
Pflästerer sind skeptisch, was das Langzeitverhaltenvon dünnen keramischen Belägen im Aussenraum anbelangt. Für GaLaBauer ist die Verlegung oft Neuland. Handeln sie leichtfertig?
Der Pflästerer ist ein Beruf, der in drei Jahren erlernt wird. Er gehört in das Berufsfeld der Verkehrswegebauer. Für ihn sind die vom Schweizerischen Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) herausgegeben Normen tägliches Brot. Der Beruf des GaLaBauers ist vielseitig. Nur wenige Gartenbauer beherrschen alle Facetten ihres Berufes. Viele spezialisieren sich in einigen von ihren Gebieten und führen diese zur Zufriedenheit aus. Zum Teil handeln GaLaBauer sicher leichtfertig, vor allem wenn die fachlichen Fähigkeiten überschätzt werden. In der VSS-Norm steht unter Punkt 4 folgender Grundsatz: «Über das Einhalten dieser Norm hinaus ist fachmännische Erfahrung notwendige Voraussetzung, um Plattendecken zu erstellen, die ein gutes Langzeitverhalten aufweisen und sich harmonisch einfügen.»
Sind Ihnen in Ihrer Gutachtertätigkeit vermehrt Mängel bei Feinsteinzeugbelägen begegnet?
Ich wurde bereits zu mehreren Mängeln bei Feinsteinzeugbelägen gerufen. Dabei handelt es sich immer um die gleichen Reklamationen. Folgende Punkte wurden jeweils bemängelt:
Stehendes Wasser auf einem Feinsteinzeugplattenbelag.
Beim Bau wurde das Mindestgefällevon 2 % unterschritten.
Dauerfeuchte Bodenplatten sind mit die häufigsten Schadbilder.
Stichwort Eigenbelagssicherheit, die im Titel genannten Bedingungen geringes Gewicht, grosses Format und gutes Langzeitverhalten sind nicht immer leicht zu vereinbaren. Können Sie diesen Zusammenhang erläutern?
Die VSS-Norm regelt diese Themen in mehreren aufgeführten Tabellen. Wenn diese Hinweise eingehalten werden, entsteht die Eigenbelagssicherheit. Die VSS Norm unterscheidet nicht nur Format (Breite/Länge), Plattendicke, Schichtdicken, Fugenbreiten und Langzeitverhalten, sondern berücksichtigt auch die Verkehrslastklasse– vom Gehwegbereich(ZP) bis hin zur 40-t-Belastung. Diesbezüglich wird nicht unterschieden zwischen Beton-, Naturstein oder Feinsteinzeug. Die Plattenstärke hängt von der Plattengrösse, der Bauweise und der Verkehrslastklasse ab. Es wird eine gewisse Plattenstärke (Eigengewicht) benötigt, damit die Platten in der jeweiligen Verkehrslastklasse ein gutes Langzeitverhalten aufweisen. Feinsteinzeugbeläge sind ausschliesslich für den Gehbereich zugelassen. Nebst diesen Spezifikationen gelten vier Bauweisen:
Für Feinsteinzeugplatten fehlten bislang Normen. Mit der Herausgabe der aktualisierten VSS-Norm SN 640 482 wurde diese Lücke geschlossen. Damit nimmt die Schweiz eine Vorreiterrolle ein. Gibt es einen Austausch der Normenausschüsse der jeweiligen Länder?
Vor rund 20 Jahren wurde die IG Naturstein durch den Verband Schweizerischer Pflästerermeister ins Leben gerufen. Die IG Naturstein organisierte Seminare, um Bauherren, Planer, Ingenieure, Architekten und Unternehmer über die Forschungsergebnisse der Schweiz zu informieren. Hauptsächlich fanden die Seminare in Österreich, in Deutschlandund in der Schweiz statt. In Österreich und in der Schweiz existiert der Pflästererberuf noch im Gegensatz zu Deutschland, wo dieser vor mehreren Jahren abgeschafft worden ist. Dies widerspiegelt sich auch in den Normen. Österreich und die Schweiz sind im Besitz von sogenannten Ausführungsnormen. In Deutschland gibt es dies nicht. Leider findet kein Austausch mehr statt, aber die Schweiz hat klar die Vorreiterrolle eingenommen.
Der mit einem Gefälle von 2 % im Acotop-Forte-System verlegte Feinsteinzeugbelagtrocknet rasch wieder ab. Das manuelle Plattenklopfenerübrigt sich.
Laut SIA 318 sind Plattenbeläge nach der VSS-Norm SN 640 482a zu projektieren. Für den Garten- und Landschaftsbau ist diese Norm also verbindlich. Beratungen und Expertisen des Fachverbandes Schweizerischer Pflästerermeister oder der Swiss Expert Certification beziehen sich auf die VSS-Normen. Im Garten- und Landschaftsbau sind die Neuerungen noch weitgehend unbekannt. Ab wann greift das Regelwerk, gibt es eine Übergangsfrist?
Das ist absolut richtig, dass diese Neuerung im Garten- und Landschaftsbau weitgehend nicht bekannt ist. Nichtwissen ist keine Entschuldigung, da für jeden am Bau Beteiligten eine Informationspflicht besteht. Jeder, unabhängig in welcher Stellung, muss in irgendeiner Form um die Weiterbildung bemüht sein. Es gibt keine Übergangsfrist.
Wird auf Verlangen der Bauherrschaft ein Keramikbelag mit geringer Dicke im Aussenraum in ungebundener Bauweise ausgeführt, sichert sich der Unternehmer rechtlich ab, wenn er schriftlich auf Folgen wie Rissbildung, Unebenheiten oder ungeraden Fugenverlauf durch Belagsverschiebungen hinweist?
Landauf, landab wird die sogenannte Abmahnung immer wieder erwähnt. Leider reicht eine Abmahnung nicht, auch nicht, wenn sie schriftlich erfolgt. Das Abgemahnte muss anschliessend vonseiten des Auftraggebers / des Bauherrn ebenfalls schriftlich nochmals als separater Auftrag erteilt werden. In diesem Fall ist der Unternehmer zu 99 % von der Haftung entbunden. Gefährdet ein Mangel jedoch Leib und Leben der Nutzer des Belages, so haftet der Unternehmer in jedem Fall für die Schadenskosten. Gerade bei ungenügender Rutschfestigkeit können diese Folgekosten extrem hochausfallen. Ich rate immer von einer Abmahnung ab, denn als Fachfirma führt man etwas aus, zu dem man nicht stehen kann. Das ist eigentlich schlechte Werbung für einen fachkundigen Unternehmer. Die richtige Vorgehensweise wäre, dass im Vorfeld alle Beteiligten lösungsorientierte Gespräche führen.
Die aktualisierte Norm für Plattendecken betrifft Änderungen bei Formaten, Fugenbreiten, Plattendicken und Reduktion der Verkehrsbelastungen. Was gilt es im Wesentlichen zu beachten?
Grundsätzlich sollte man sich die aktuelle Version der VSS-Norm SN 640 482 Plattendecken Ausgabe 09/17 für rund 100Franken bestellen. Es gilt, sich diese Norm in aller Ruhe zu Gemüte zu führen und sich bei Fragen oder Zweifeln an einen Fachmann zu wenden. Da eine Norm eine Momentaufnahme ist, muss immer mit Änderungen der Technologie und der Ausführungsmöglichkeiten gerechnet werden.
Ihre Firma hat eine neue Verlegetechnik für keramische Beläge entwickelt. Worin besteht die Innovation?
Die Innovation besteht darin, dass die Fehlerquote auf der Baustelle gesenkt, das Arbeiten einfacher und effizienter wird bei besserer Qualität. Da die Feinsteinzeugplatten neu in gebundener Bauweise verlegt werden müssen, sind die Ansprüche an den Verleger grösser geworden.Der Verleger muss viel genauer Arbeiten, weil die verlegten Platten nicht mehr nachkorrigiert werden können. Der GaLaBauer ist sich gewohnt, Splitt abzuziehen und Platten in den losen Splitt zuverlegen. In der gebundenen Bauweise kann in gleicher Weise gearbeitet werden. Anstelle von Splitt wird Splittbeton verwendet, die Feinsteinzeugplatten werden mit dem vollflächig aufgetragenen Acotop-Forte-System in den Splittbeton verlegt. Die Distanzhalter werden nur auf der Plattenoberseite eingefügt, so können sie vor dem nächsten Arbeitsgang einfach wieder entfernt werden. Innerhalb einer Stunde werden die verlegten Platten mit demAcopatter abgerüttelt. Durch diesen Arbeitsgang werden die Feinsteinzeugplatten optimal mit dem Splittbeton in Verbindung gebracht und kleinere Unebenheiten ausgemerzt. Das mühselige Plattenklopfen mit dem Gummihammer entfällt.
So wird die neue Rüttelplatte für Feinsteinzeugplatten eingesetzt. Eine Schulung für die gebundene Bauweise zahlt sich aus: Praktische Anleitungen im Vorführkurs bei Acosim.
Keramik hat eine hohe Dichtigkeit. Was bedeutet das für den Unterbau?
Durch die Plattendichte ist es im Aussenbereich bei den zu erwartenden Temperaturschwankungen schwierig, die Feinsteinzeugplatten dauerhaft zu verkleben. Bei allen verlegten und bewitterten Belagsmaterialien herrschen ander Plattenunterseite permanent 100 % Luftfeuchtigkeit. Die Feuchtigkeit ist hochalkalisch angereichert und zersetzt mit den Jahren manche Feinsteinzeugkleber, die im Innenbereich Anwendung finden. Wir verwenden aufgrund jahrelanger Erfahrungen hydrophob wirkende Klebesysteme.
Die Fugenbreite hängt nebst dem Herstellungsverfahren der Platten vom Format ab. Es soll mind. 1 % der längsten Plattenseite als Fugenbreite angenommen werden, lautet eine Faustregel. Ist man auf der sicheren Seite, wenn man sich daran hält?
Mir ist diese Faustregel unbekannt, da wir in der VSS-Norm geregelte Fugenbreiten haben, die 5 mm nicht unterschreiten dürfen. In der gebundenen Bauweise wird eine gewisse Fugenbreite benötigt, um die Temperaturschwankungen abbauen zu können. Der Fugenmörtel darf aber keine höhere Druckfestigkeit aufweisen als das verwendete Plattenmaterial, da dies zu Abplatzungen beim Plattenmaterial führen kann.
Besonders ausgeprägt sind die Temperaturschwankungen bei an vollsonnigem Standort verlegten dunklen Feinsteinzeugplatten. Raten sie von deren Verwendung ab?
Grundsätzlich nein, man muss sich einfach bewusst sein, was dies für Nachteile haben kann. Eine dunkle Platte kann sich bei 25 °C Lufttemperatur auf über 60 °C erwärmen. Das hat zur Folge, dass der Belag unter Umständen barfuss nicht begehbar sein wird. Ein weiterer Punkt ist der Ausdehnungskoeffizient des Plattenbelages. Ein dunkler Plattenbelag dehnt sich bei Wärme viel mehr und viel schneller aus und zieht sich bei Kälte auch stärker und schneller zusammen. Dies kann zu einer vermehrten Rissbildung führen oder der Plattenbelag wölbt sich auf. Bei einem eingeschlossenen Plattenbelag müssen aus diesen Gründen zwingend Dilatationsfugen vorgesehen werden. Die richtige Platte am richtigen Ort mit der optimalsten Ausführung nach Stand der Technik, das ist die hohe Kunst und muss der Ästhetik vorgezogen werden.
Im Gegensatz zur ungebundenen Bauweise werden für die gebundene Bauweise Kreuzfugen empfohlen. Weshalb?
Die Verlegart bestimmt weitgehend daszu verlegende Plattenmaterial. WährendBeton- und Natursteinplatten auchim englischen oder im wilden Fugenverbandverlegt werden können, ist dies beiFeinsteinzeugplatten etwas anders. Dasie leicht bombiert sind, eignen siesich weniger für diese Verlegearten. UmUnebenheitenzu vermeiden, werden dieFeinsteinzeugplatten deshalb mit Kreuzfugenverlegt.Was ist in Bezug auf das Mindestgefällefür grossformatige Platten zu beachten?Die Plattengrösse ist für die Bestimmungdes Mindestgefälles nicht relevant. Entscheidendist die Oberflächenbeschaffenheitder Platten. Auch hier ist Vorsichtgeboten.
Die VSS-Norm hat die Mindestgefälleganz einfach geregelt:
Geringere Gefälle sind nicht ratsam, da dies zu stehendem Wasser auf dem Feinsteinzeugbelag führt.
Es gibt einen Wildwuchs an praktizierten Verlegearten, Faustregeln und widersprüchlichen Verlege empfehlungen.Wie kann der Wissenstransfer verbessert werden?
Aus dem Gastrobereich stammt der Spruch «zu viele Köche verderben den Brei.» Für unseren Bereich existieren SIA- und VSS-Normen sowie von verschiedenen Berufsverbänden oder Interessengruppen verfasste Merkblätter. Diese dienen jedoch nur als Hilfestellung und sind keine Normen. Am Ende aller Tage ist bis jetzt immer noch die VSSNorm zuständig. Der Wissenstransfer kann am schnellsten verbessert werden, wenn sich die Institutionen an einen Tisch setzen, im Sinne der Sache die Normen überarbeiten, auf einen Nenner bringen und gemeinsam proklamieren.